Kindern helfen, Gefühle zu verstehen
Kinder haben große Gefühle – aber oft noch keine Worte dafür. Wut wird zum Wurf, Angst zum Bauchweh, Traurigkeit zum Rückzug. Erwachsene können ihnen helfen, ihre Gefühle zu verstehen. Und das ist leichter, als es klingt.
von Dr. Benjamin Förster · Psychologe, Coach und Dozent
Stand: 3.11.2026
Gefühle zu erkennen, zu benennen und mit ihnen umzugehen, ist eine Fähigkeit, die Kinder erst lernen müssen – so wie Laufen oder Sprechen. Fachleute sprechen von emotionaler Kompetenz. Kinder, die ihre Gefühle besser verstehen, kommen oft leichter mit anderen zurecht, können sich besser beruhigen und haben mehr Möglichkeiten, als zu schreien, zu hauen oder sich zurückzuziehen.
Kinder lernen Gefühle durch Beziehung
Kleine Kinder können sich noch nicht allein beruhigen. Sie brauchen dafür einen Erwachsenen, der ruhig bleibt, das Gefühl erkennt und es aushält. Diese gemeinsame Beruhigung heißt Co-Regulation. Aus vielen solchen Momenten lernt das Kind nach und nach, sich selbst zu regulieren.
Das bedeutet auch: Wir müssen nicht perfekt reagieren. Entscheidend ist, dass Kinder immer wieder erleben, dass ihre Gefühle gesehen werden und dass nach einem Sturm wieder Verbindung entsteht.
Was hilft – und was eher nicht
- Benennen statt bewerten: „Du bist richtig wütend, weil der Turm umgefallen ist“ hilft mehr als „Jetzt reg dich nicht so auf“.
- Gefühle erlauben, Verhalten begrenzen: „Du darfst wütend sein. Hauen ist trotzdem nicht in Ordnung.“
- Erst beruhigen, dann reden: Mitten im Gefühlssturm ist kein Platz für Erklärungen. Das Gespräch kommt später.
- Nicht wegtrösten: Sätze wie „Ist doch nicht schlimm“ sind gut gemeint, sagen dem Kind aber: Dein Gefühl ist falsch.
- Vorleben: „Ich bin gerade gestresst, ich brauche kurz Ruhe“ zeigt Kindern, wie man mit Gefühlen umgehen kann.
Sieben Ideen für Familie, Kita und Schule
- Gefühlswetter: „Wie ist dein Wetter heute – sonnig, bewölkt, stürmisch?“ Kinder können Gefühle oft leichter in Bildern beschreiben.
- Gefühlsbarometer: Auf einer Skala von 1 bis 5 zeigen, wie stark ein Gefühl gerade ist.
- Körperlandkarte: „Wo im Körper spürst du die Angst?“ – und das Gefühl auf einen gemalten Körperumriss malen.
- Gefühlskarten ziehen: Eine Karte ziehen und erzählen, wann man dieses Gefühl zuletzt hatte.
- Bilderbücher: „Wie fühlt sich die Figur gerade? Woran erkennst du das?“
- Morgenkreis oder Stundenbeginn: Jedes Kind setzt eine Klammer an sein Gefühl auf einem Gefühlsrad.
- Abendritual: „Was war heute schön, was war schwer?“
Welche Gefühle in welchem Alter?
Schon Kleinkinder zeigen Freude, Wut, Angst und Traurigkeit. Im Kindergartenalter kommen Gefühle wie Scham, Stolz oder Eifersucht dazu, und Kinder beginnen, Gefühle zu benennen. Im Grundschulalter verstehen sie zunehmend, dass man zwei Gefühle gleichzeitig haben kann und dass andere Menschen anders fühlen können als sie selbst. Für den Anfang reichen fünf Grundgefühle: froh, traurig, wütend, ängstlich und ruhig.
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Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann man mit Gefühlskarten arbeiten?
Mit Bildkarten und wenigen, einfachen Gefühlen etwa ab dem Kindergartenalter. Wichtig ist, das Spiel an das Kind anzupassen: lieber wenige Karten und viel Gespräch als viele Karten auf einmal.
Mein Kind will nicht über Gefühle reden. Was tun?
Nicht drängen. Viele Kinder sprechen leichter nebenbei – beim Autofahren, Malen oder Spielen – oder über Figuren aus Büchern. Auch Malen oder Zeigen statt Reden ist eine gute Möglichkeit.
Wenn ein Kind über längere Zeit sehr belastet wirkt, sich stark zurückzieht oder sein Verhalten sich deutlich verändert, ist es sinnvoll, sich Rat zu holen – etwa bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, einer Erziehungsberatungsstelle oder beim Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“: 116 111.



